Ist autonomes Fahren realistisch?

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Wie realistisch ist autonomes Fahren?

Die Technologie entwickelt sich weiter, die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden und die Gesellschaft muss sich mit den Veränderungen auseinandersetzen. Während bereits viele Fortschritte erzielt wurden, bleibt es abzuwarten, wie schnell und reibungslos die Integration hochautomatisierter Fahrzeuge in unseren Alltag erfolgen wird und ob der letzte Schritt zum autonomen Fahren im Level 5 gelingen kann.

Autonomes Fahren ist längst nicht mehr nur eine Vision aus dem Bereich der Science-Fiction, sondern rückt zunehmend in den Fokus der realen Mobilität. Die Fortschritte in der künstlichen Intelligenz und Sensortechnologie haben die Möglichkeit autonomer Fahrzeuge in greifbare Nähe gerückt. Doch ist autonomes Fahren wirklich realistisch oder sind die technologischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu groß?

Was genau ist autonomes Fahren?

Um die Frage zu beantworten, ob autonomes Fahren realistisch ist, müssen zunächst einige Grundlagen geklärt werden, denn autonomes Fahren ist nicht gleich autonomes Fahren. Um die fortschreitenden Technologien zu unterteilen, hat die sogenannte „Society of Automotive Engineers“ (= SAE) Level von 0 bis 5 eingeführt.

Während Fahrzeuge mit automatisierten Fahrassistenzsystemen im Level 3 und sogar im Level 4 bereits auf den Straßen zugelassen sind oder getestet werden, sind autonome Fahrzeuge im Level 5, die also vollständig selbst fahren können, derzeit noch eine Zukunftsvision.

Ob autonomes Fahren im Level 5 eine Vision bleibt oder nicht, darüber herrscht derzeit auch unter Expert:innen Uneinigkeit. Was muss also in Zukunft noch bewältigt werden, um vollautonomes Fahren zu ermöglichen?

Technologische Hürden und Fortschritte

Die technologischen Entwicklungen im Bereich autonomes Fahren sind beeindruckend. Fortschritte in den Bereichen maschinelles Lernen, Bilderkennung, LiDAR- und Radartechnologie ermöglichen es Fahrzeugen, komplexe Verkehrssituationen zu erfassen und darauf zu reagieren. Verschiedene Unternehmen wie Tesla, Cruise und Waymo haben bereits automatisierte Fahrzeuge auf den Straßen getestet und verbessern ihre Systeme ständig.

Dennoch bleiben einige technologische Hürden zu überwinden und in der Vergangenheit gab es Situation, bei denen die Technologien Lücken und Pannen hatte. So gab es beispielsweise im vergangenen Jahr einige Zwischenfälle mit den L4-Robotaxis der Marken Waymo und Cruise oder Unfälle mit den Fahrassistenzsystemen von Tesla.

Die zuverlässige Erkennung von anderen Verkehrsteilnehmer:innen, unvorhersehbaren Verkehrssituationen und extremen Wetterbedingungen stellt nach wie vor eine Herausforderung dar. Auch Cybersecurity und die Bereitstellung von hochpräzisen Kartendaten gehören zu den Feldern der Zukunft. Zudem müssen autonome Fahrzeuge in der Lage sein, mit nicht-autonomen Fahrzeugen und verschiedenen Verkehrsteilnehmer:innen sicher zu interagieren, was als V2X-Kommunikation bezeichnet und erforscht wird. Dafür bedarf es internationaler Standards, was zurzeit noch nicht gegeben ist.

Rechtliche und ethische Fragen

Die Einführung autonomer Fahrzeuge wirft rechtliche und ethische Fragen auf. Wer trägt die Verantwortung im Falle eines Unfalls? Wie werden Haftungsfragen geklärt, insbesondere wenn ein autonomes Fahrzeug von einem Menschen gesteuert werden kann? Diese Fragen müssen nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene gelöst werden, um einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen.

Zusätzlich sind ethische Überlegungen beispielsweise bezüglich der Programmierung von autonomen Fahrzeugen von großer Bedeutung, denn die Entscheidungen, die ein autonomes Fahrzeug in Notsituationen treffen muss, werfen moralische Fragen auf. Mit dieser Frage beschäftigen sich Expert:innen bereits intensiv. So hat auch die EU-Kommission einen Leitfaden mit 20 Ethik-Empfehlungen für die Branche erstellt und veröffentlicht.

Gesellschaftliche Akzeptanz

Zuletzt spielt auch die Akzeptanz autonomer Fahrzeuge in der Gesellschaft als Herausforderung des autonomen Fahrens eine entscheidende Rolle für deren Realisierung und Etablierung im regulären Straßenverkehr. Viele Menschen haben Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und Verlässlichkeit autonomer Technologien. Es bedarf daher einer intensiven Aufklärungsarbeit seitens der Hersteller und Regulierungsbehörden, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen.

Autonome Fahrzeuge: Eine realistische Zukunftsvision?

Automatisiertes Fahren ist zweifelsohne auf dem Weg zur Realität und nicht nur das. Automatisiertes Fahren bis zum Level 4 ist bereits Realität. Doch wie steht es um den letzten Schritt, das Fahren im Level 5?

Elon Musk, der Visionär und CEO von Tesla, ist bereits bekannt für seine Prognosen, die oft überambitioniert erscheinen oder sich als solches herausstellen. So hat er bereits 2020 die Einführung von Level-5-Fahrzeugen für dasselbe Jahr angekündigt.

Andere Stimmen der Branche bremsen die Erwartungen für L5-Automatisierung, so auch Gabriel Seiberth von dem IT-Unternehmen Accenture. Er hält die letzte Stufe des autonomen Fahrens nicht nur für schwierig, sondern für grundsätzlich nicht möglich. Das liege in dem Einsatzgebiet der Level, der sogenannten Operational Design Domain (= ODD):

„Bis Level 4 ist diese eingeschränkt, Level 5 bietet eine vollkommene, operative Freiheit. Für Letztere müsste das Fahrzeug mit sehr vielen neuen Situationen umgehen. Das ist etwas, was Maschinen im Vergleich zum Menschen nicht vollumfänglich leisten können – eines der Kernprobleme der aufgabenbasierten künstlichen Intelligenz, die wir heute haben. Darüber hinaus können Kamera- und KI-Systeme unterschiedlichen Störungen unterliegen sowie manipuliert werden. In Kombination mit Kartendaten sowie Infrastrukturvernetzung wäre dies zwar zu bewältigen, dafür müsste jedoch jeder Zentimeter der Weltkarte fortlaufend aktualisiert werden. […] Ich bin sogar skeptisch, ob dies jemals realisierbar ist.“

Die ODD kann also nie allumfassend und damit nicht umfassend genug sein für L5-Automatisierung. Dadurch sei die menschliche Überwachung unabdingbar, so Seiberth.

Es stehen also noch zahlreiche Herausforderungen bevor. Die Technologie entwickelt sich weiter, die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden und die Gesellschaft muss sich mit den Veränderungen auseinandersetzen. Während bereits viele Fortschritte erzielt wurden, bleibt es abzuwarten, wie schnell und reibungslos die Integration hochautomatisierter Fahrzeuge in unseren Alltag erfolgen wird und ob der letzte Schritt zum autonomen Fahren im Level 5 gelingen kann.

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